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7. Jahressonntag 2000

Thema: Deine Sünden sind dir vergeben
Lesung / Evangelium: Mk 2,1-12
gehalten am 20.02.2000 10:30h ESB
von Eberhard Gottsmann, OStR

 

Evangelium

Mk 2:1 Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, daß er (wieder) zu Hause war. 2 Und es versammelten sich so viele Menschen, daß nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. 4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. 5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! ... Und er sagte zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! 12 Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Predigt

Liebe Christen!

Besitzen Sie genügend Phantasie, um sich die heutige Evangelienstelle richtig vorstellen zu können? Eine köstliche Geschichte, die den Leser fast zum Lachen reizt!

Jesus ist nach dieser Geschichte wieder mal daheim - interessanterweise ist es nun Kapharnaum, nicht Nazaret! Die Leute bekommen sehr schnell mit, daß der begeisternde Rabbi wieder „im Hause“ ist, wie es wörtlich heißt, und sind ganz begierig, ihn zu hören. Ein heutiger Referent könnte neidisch werden: es kommen so viele Leute, daß sie im Inneren des Hauses gar keinen Platz mehr finden, sondern das ganze Haus umlagern. Unmöglich, jetzt noch an Jesus heranzukommen!

Genau das aber möchten vier Männer. Sie tragen einen Gelähmten, für den sie bei Jesus Heilung erbitten möchten - der arme Kerl ist dazu nicht in der Lage. Nachdem die Leute keinen Schritt zur Seite gehen wollen, erst recht nicht den Eingang zum Haus freigeben, kommen die vier „Sanitäter“ auf eine ausgefallene Idee. Palästinensische Häuser haben nämlich ein flaches Dach, außerdem führt meist eine Treppe von außen auf die Dachterrasse - und so schaffen es die vier tatsächlich, den Lahmen nach oben zu hieven.

Was aber nun? Dachfenster gibt es keine; auch keinen anderen Zugang zum Inneren des Hauses - daher kommt einer auf die Idee, die Lehm- und Strohschicht der Decke zu durchstoßen, die auf den Dachbalken liegt. Ich kann mir gut vorstellen, wie die andächtigen Hörer unten zu schimpfen beginnen, als die Lehm- und Dreckbrocken auf ihre Köpfe herunterprasseln. Auch mit der spannenden Predigt Jesu dürfte es nun zu Ende sein, denn jeder starrt gebannt zur Decke (wenigstens die, die nicht gerade unter dem Loch stehen).

Vermutlich löst sich die anfängliche Empörung in schallendes Gelächter auf, als sie sehen, was diese raffinierten Kerle da oben vorhaben: sie lassen den armen Teufel mit Stricken schön langsam von oben herab, direkt vor die Füße des Meisters.

Ist für den Leser schon außergewöhnlich, was bisher passiert ist - noch merkwürdiger ist aber die Reaktion Jesu. Er sagt nämlich nicht: „Also gut, ich kapituliere vor soviel Hartnäckigkeit und Schlauheit - steh auf und sei gesund“! Er sagt vielmehr: „Kind, nachgelassen sind deine Sünden!“

Bevor ich näher darauf eingehe, muß ich eine wichtige Zwischenbemerkung machen.

Der Text, wie er uns heute vorliegt, ist eine Zusammenstellung des Markus, der selber kein Augenzeuge Jesu war. Wie es ihm passend schien, hat er verschiedene Überlieferungen zusammengefügt - und dadurch bekommen manche Geschichten eine andere Bedeutung. Auch in diesem Fall verändert er die Aussage, und zwar dadurch, daß er ein Streitgespräch mit den Schriftgelehrten einbaut. Die Absicht des Markus ist dabei, Jesus als Menschensohn darzustellen, der die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben. Dadurch verschiebt er aber den ursprünglichen Akzent! Daher erlauben Sie, daß ich heute das Streitgespräch unberücksichtigt lasse - darüber müßte man ein anderes Mal reden.

Wie aber lautet der ursprüngliche Akzent? Lesen wir den Satz nochmals genau: „Kind, vergeben sind deine Sünden!“ Jemand, der nicht Bescheid weiß, wird sofort der Meinung sein, Jesus habe dem Gelähmten die Sünden vergeben. Das steht aber nicht da! Jeder normale Mensch würde erwarten, daß dann Jesus gesagt hätte: „Ich vergebe dir deine Sünden“. Gerade das sagt er aber nicht!

Die Lösung: Jesus verwendet das sogenannte „theologische Passiv“; einfacher ausgedrückt: wie jeder Jude hat auch Jesus die Gewohnheit, den erhabenen Gottesnamen JHWH nicht direkt auszusprechen. Auch heute noch ist es bei den Juden üblich, „ha schem“ = der Name oder „adonai“ = der Herr zu sagen - oder aber die Tätigkeit Gottes in einem Passivsatz auszudrücken. Ein Beispiel: nach einem Verkehrsunfall, der für Sie glimpflich abgelaufen ist, sagen Sie selten: „Gott hat mir da aber ganz schön geholfen“; meist werden Sie sagen: „Da wurde mir aber sehr geholfen“ - ohne das Wort „Gott“ direkt auszusprechen. Trotzdem weiß jeder, daß Sie damit Gott gemeint haben.

Diese Feststellung ist sehr wichtig, nicht bloß eine „Haarspalterei“! Denn sie bedeutet, daß es sich bei der ursprünglichen, vormarkinischen Wundererzählung nicht um einen „autonomen Vergebungsakt Jesu“ handelt, sondern daß Jesus die Vergebung Gottes zuspricht.

Nicht Jesus vergibt also selbst; er bestätigt nur, daß Gott vergeben hat!

Was aber hat das mit der Heilung des Gelähmten zu tun?

Wir alle wissen aus Erfahrung, daß Schuldgefühle und schlechtes Gewissen den Menschen geradezu lähmen können. Schuld lähmt aber nicht deshalb, weil Gott uns deshalb bestraft, sondern sie lähmt, weil sie unser eigenes oder auch das Leben anderer blockiert und einengt. Schuld und Angst, Schuld und Enge, Schuld und innere Lähmung haben sehr miteinander zu tun!

Nicht nur die eigene Schuld kann lähmen; genauso lähmt uns die Schuld anderer, die wir noch nicht vergeben haben.

Ein paar Beispiele:

Eine Frau in mittleren Jahren erzählt mir, daß sie die Berührungen durch ihren Mann nicht mehr ertragen kann. Sofort verkrampft sich alles in ihr - selbst der Magen. Manchmal ist es so schlimm, daß sie erbrechen muß. Was ist da wohl alles schiefgelaufen? Was muß da alles zwischen den beiden schiefgelaufen sein, daß jetzt wie durch einen ständigen Albtraum das Leben belastet ist? Beiderseitige jahrelange Schuld, die verdrängt wurde, statt aufgearbeitet, beim Namen genannt und dann vergeben zu werden, muß wohl der tiefste Grund für diese „Lähmung“ sein.

Oder können Sie sich vorstellen, wie das Leben von Eltern aussehen muß, deren Kind totgefahren oder umgebracht wurde? Die Frage nach der Schuld und dem Schuldigen bestimmt in zermürbender Weise das weitere Leben. Aber irgendwann - vielleicht erst nach Jahren, muß die Schuld vergeben werden, damit Heilung erfolgen kann.

Damit ist nicht ein oberflächliches „Na, lassen wir es gut sein“ gemeint. Die fremde Schuld muß klar ausgesprochen, beim Namen genannt werden - und dann muß Sie dem Schuldigen „geschenkt“ werden, so schwer das ist. Erst dann weicht die Starre, die seelische und körperliche Lähmung.

Und wie ist es mit der eigenen Schuld? Hier ist es im Grunde genauso. Auch sie muß ich klar erkennen und anerkennen; auch sie darf ich nicht bagatellisieren, nach dem Motto: „Na, so schlimm wird's doch nicht sein“. Dann aber muß ich vertrauensvoll die Vergebung Gottes annehmen, im Bewußtsein, daß er die ewige, stets verzeihende, bedingungslose Liebe ist.

Aber gerade dazu sind Menschen oft nicht fähig. Angst vor Gott - also mangelndes Vertrauen - verhindert, diese bedingungslose Vergebung einfach annehmen zu können.

Und deshalb brauchen wir immer wieder andere, die uns diese Vergebung Gottes bestätigen, zusagen - genauso, wie Jesus dem Gelähmten die Vergebung Gottes zugesagt hat.

In unserer katholischen Kirche gibt eine besondere Beauftragung, im Namen und unter Berufung auf Jesus diese Vergebung zuzusprechen - das tut der Priester besonders im Bußsakrament. Es ist aber nicht so, daß der Priester verzeihen würde!

Diese Form ist zwar die eindrucksvollste, und oft auch die wirkungsvollste; im Grunde ist aber jeder Mensch beauftragt, dem schuldbelasteten Mitmenschen immer wieder zu sagen: „Gott hat deine Sünden vergeben!

Ein abschließender Vergleich - der natürlich hinkt, wie alle Vergleiche.

Nehmen wir an, Sie hätten eine Führerscheinprüfung abgelegt. Bereits im Schriftlichen haben sie einige Böcke geschossen - aber katastrophal war es erst bei der praktischen Prüfung. Einmal haben sie ein Rotlicht übersehen oder einem anderen die Vorfahrt genommen oder beim Einparken beinahe einen Mercedes gerammt. Aus ist's - keine Chance mehr.

Nun nehmen wir weiter an - und hier hinkt der Vergleich besonders stark - ihr Prüfer sei ein besonders feinfühliger, gutmütiger Mensch. Er hatte bemerkt, daß Sie ungewöhnlich nervös waren, aber da er Sie sehr mag, beschließt er, Ihnen den Führerschein doch zuzugestehen. Aber: noch wissen Sie nichts davon; noch sind Sie überzeugt, daß sie bei der Prüfung durchgefallen sind. Sie sitzen wie betäubt, wie gelähmt, auf der Wartebank und warten darauf, daß Ihnen die traurige Wahrheit mitgeteilt wird.

Und nun kommts:

Einer der Mitfahrschüler flüstert Ihnen zu: „Sei guten Mutes - ich bin überzeugt, daß Du es geschafft hast! Ich kenne nämlich den Prüfer sehr gut: der berücksichtigt schon, wie aufgeregt ein Prüfling ist!“

Vielleicht keimt ein winziger Hoffnungsstahl in Ihnen auf - aber so richtig glauben können Sie es nicht.

Da geht Ihr Fahrlehrer an Ihnen vorbei und zwinkert Ihnen lächelnd zu, wobei er den Daumen nach oben richtet. „Alles OK!“ bedeutet das.

Wenn Sie jetzt Vertrauen zu Ihrem Fahrlehrer haben, dann dürften Sie wohl jetzt schon aufatmen, aus Ihrer Lähmung erwachen - noch bevor Sie die offizielle Bestätigung erhalten haben! Wenn aber nicht, dann bleiben Sie weiter „unerlöst“, angstvoll, gelähmt - und zwar solange, bis ihnen der nette Prüfer tatsächlich den Führerschein in die Hand drückt.

Hoffen wir, daß Sie wenigstens dann glauben können, daß Sie es geschafft haben!

AMEN

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